„Morgen bricht nicht alles zusammen“

greisFrüher plagte ihn die Unsicherheit, nicht zu genügen. Mit den Jahren ist Rapper Greis selbstsicherer und gelassener geworden. Er macht gerne alles auf den letzten Drücker. Weil morgen auch noch ein Tag ist.

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 Was haben Sie heute vor?

Ich arbeite zu Hause an einem Musikvideo. Es ist das erste, das ich nicht nur selber gefilmt habe, sondern auch alleine schneide. Allerdings ging ich etwas blindlings an das Ganze heran.

Wie meinen Sie das?

Beim Filmen gilt die Regel: Filme nie mehr, als du sichten kannst. Doch genau das habe ich getan, nun habe ich viel zu viel Material. Ich habe schon vierzig Stunden ins Schneiden investiert und bin noch immer nicht zufrieden mit dem Ergebnis. Dabei müsste das Video morgen fertig sein.

Bereits vollendet ist Ihre Interpretation des Liedes «Die Strass, won i dran wohne» von Mani Matter. Sie erschien auf seiner Tribute-CD «Und so blybt no sys Lied». Warum wählten Sie dieses Stück?
Weil ich – anders als von Mani Matter besungen – keine Ahnung habe, wo die Strasse, an der ich wohne, aufhört. Ich fuhr noch nie an ihr Ende. Im Grunde könnte sie unendlich lang sein. Diese Vorstellung gefällt mir und erinnert mich ans Leben: Ich weiss nicht, wohin es führt.
Mani Matter wäre dieses Jahr achtzig geworden. Wie erklären Sie sich, dass seine Lieder noch immer populär sind?
Matter ging mit dem Buschmesser ans Songschreiben heran und schnitt sämtlichen Ballast von seinen Texten weg. Darum sind sie so reduziert und klar, dass jeder einen Zugang dazu findet.
Wünschen Sie sich, dass auch Ihre Songs die Zeit überdauern?
Natürlich, aber ich habe noch einen langen Weg vor mir. Manchmal verstehe ich meine eigenen Texte nicht mehr, weil ich sie so kompliziert geschrieben habe. Ich verliebe mich in Formulierungen und kann mich dann nicht von ihnen trennen. Dabei müsste ich wie Mani Matter das Buschmesser hervornehmen und alles Überflüssige wegschneiden.
Welche Spuren möchten Sie abgesehen von Ihrer Musik hinterlassen?
Ich freue mich über Anerkennung von der Öffentlichkeit. Wichtiger ist mir aber, wie mich mein engstes Umfeld wahrnimmt. Ich möchte ein guter Freund, Bruder und Sohn sein.
Trotzdem kümmern Sie sich nicht nur um Ihr engstes Umfeld. Sie sind politisch aktiv, fordern etwa die Aufnahme von mehr Flüchtlingen.
Ich bin stolz auf die Vielfalt der Schweiz und möchte sie bewahren. Schotten wir uns ab, sind die Arbeitssicherheit und das wirtschaftliche Wachstum der Schweiz gefährdet.
Manche Politiker wollen den Reichtum genau durch Abschottung wahren.
Das macht mir Sorgen, denn erst durch den Austausch mit dem Ausland wurden wir reich. Wir sollten den gegenseitigen Nutzen suchen und keine Angst vor dem Fremden haben.
Haben Sie schon mal eine Ihrer Aussagen bereut?
Bereut nicht, aber gewisse Songtexte, die ich vor zehn Jahren schrieb, sind mir heute peinlich.
Warum?
Das hat vor allem mit dem Alter zu tun. Früher war ich selbstbezogener, rappte nur über mich. Höre ich mir das heute an, denke ich: Nimm dich nicht so wichtig.
Sie sind 38. Wie veränderten Sie sich sonst in den letzten Jahren?
Früher hatte ich Angst, dass ich kein richtiger Musiker bin. Dass ich bloss Glück hatte und irgendwann alle merken, dass ich nur ein Hochstapler bin. Heute bin ich gelassener. Ich weiss, ich kann etwas, und morgen bricht nicht alles zusammen.
Was täten Sie, wenn Ihnen Zeit geschenkt würde?
Ich würde sie mit Freude verschwenden. Garantiert investierte ich sie nicht in mein Musikvideo. Ich erledige immer alles auf den letzten Drücker.

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