In Harmonie durchs Leben

Wachter

Sie musizieren, sammeln Örgeli und begeistern an ihrer Musikschule Kinder für die Welt der Töne. Für ihr fabelhaftes Schaffen sind Heidi und Ruedi Wachter mit der höchsten Auszeichnung der Volksmusik geehrt worden.

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Heidi Wachter spielt auf einem 100-jährigen Akkordeon, als aus dem Nebenzimmer plötzlich auch Musik ertönt. Ruedi Wachter  hat das Pendant zu Heidis Instrument gefunden und setzt mit der zweiten Stimme ein. Kaum ist das Stück zu Ende, lässt Ruedi ein weiteres Instrument erklingen, Heidi wählt ebenfalls ein neues aus und stimmt nach wenigen Takten in die Darbietung ihres Ehemannes ein. Es scheint, als könnten sie den ganzen Tag so weitermusizieren. Die beiden verstehen einander sprichwörtlich blind.

Heidi und Ruedi Wachter 63 und 65, haben ihre Harmonie gefunden, in der Beziehung genauso wie in der Musik.

«Fangen wir einmal an zu spielen, kommen wir ins Fieber», sagt er. Und sie ergänzt: «Wir haben im ganzen Haus Instrumente verteilt, damit sie sofort griffbereit sind.»

Ihr Repertoire an Musikstücken ist beinahe unerschöpflich – genauso wie ihre Sammlung an Instrumenten. Heidi und Ruedi Wachter besitzen rund 400 Akkordeons, Schwyzerörgeli und Mundharmonikas. Die meisten davon befinden sich im unteren Stock ihres Hauses in Rorschach, wo auch ihre Musikschule untergebracht ist. Das älteste Stück in Wachters Sammlung stammt aus dem Jahr 1851 – ein einreihiges französisches Accordéon, das früher die noblen Damen spielten. Viele Instrumente haben eine lange Reise hinter sich, wurden ursprünglich in Afrika, Indien oder auf Hawaii angefertigt. Wachters können auf allen Instrumenten spielen. Das ist mit ein Grund, warum sie im Oktober den Goldenen Violinschlüssel erhalten haben. Es ist die höchste Auszeichnung in der Schweizer Volksmusikszene.

Das Ehepaar sammelt seit 1985 Handzuginstrumente aller Art. Die Begeisterung für Musik entflammte jedoch schon viele Jahre zuvor. «Ich hatte schon als Kind diesen unbedingten Willen, Musik zu machen», sagt Ruedi. Schmunzelnd fügt er an: «Der muss kurz nach der Geburt entstanden sein.» Allerdings durfte er erst ab der vierten Klasse den Akkordeonunterricht besuchen.

Heidi startete ihre Musikkarriere in der fünften Klasse. Später absolvierte sie eine vierjährige Ausbildung zur Akkordeonlehrerin. Ruedi hingegen musste zuerst «einen seriösen Beruf lernen», wie seine Eltern sagten, und wurde Spengler. Der Begeisterung für die Musik tat das keinen Abbruch: «In den Mittagspausen fuhr ich jeweils mit dem Auto zu einem Waldstück, nahm mein Akkordeon hervor und übte.» Mit 20 spielte Ruedi Wachter zusammen mit seinem Onkel Stanti Schönbächler seine erste Schallplatte ein. Und mit 33 liess auch er sich zum Akkordeonlehrer ausbilden. Da war er bereits mit Heidi verheiratet.

Ihre Wege kreuzten sich 1973 an einem Auftritt von Ruedi Heidi war von Ruedis Duettpartner eingeladen worden, in dessen Auftrag sie jeweils die zweiten Stimmen für die beiden schrieb.

«Ich wollte schauen, ob sie das auch so spielen, wie ich es vorgesehen hatte», sagt Heidi Wachter.

Es blieb allerdings nicht bei einem kritischen Besuch. Die beiden begannen, gemeinsam zu musizieren – «zuerst ganz ohne Hintergedanken», erzählt Ruedi Wachter. Bald darauf verliebten sie sich aber ineinander. Heidi begeisterte etwa Ruedis Talent, frei zu musizieren. «Das kannte ich nicht. Ich spielte stets brav nach Noten.»

Bis heute schlägt Heidi musikalisch gerne den sicheren Weg ein, während Ruedi sogar an Konzerten plötzlich zu improvisieren beginnt. Und bis heute ist den beiden die Lust am gemeinsamen Musizieren nicht vergangen. Oft frischen sie abends zusammen ihr Repertoire auf. Als Üben würden sie das allerdings nicht bezeichnen. «Bei uns sind Beruf und Hobby miteinander verflochten», sagt Ruedi Wachter.

Die Musikschule Wachter-Rutz führt das Ehepaar seit 1979. Zudem kreierten sie Lehrmittel, die schweizweit angewendet werden, und gründeten diverse erfolgreiche Nachwuchsformationen wie die Örgelifäger und das Quirli-Quartett. Die Wachters geniessen es, Kinder mit ihrer Begeisterung für die Musik anzustecken. Viele Schüler förderte das Ehepaar über Jahre hinweg, einige lassen heute ihren Nachwuchs von den Wachters unterrichten.

Getüftelt wird auch in den Ferien

Heidi und Ruedi Wachter machen alles gemeinsam – und fast immer begleitet sie die Musik. So nahm Ruedi das Akkordeon sogar in den Familienurlaub nach Italien mit. Trotz Ferien wollte er weiter an seinen Kompositionen tüfteln. Dank der Musik lernten die Wachters aber auch ferne Länder kennen. Im Jahr 1998 reisten sie etwa nach Japan, um in Tokio mit einem japanischen Alphornclub aufzutreten. Anschliessend tourten sie mit diesem und einem Jodlerchor aus Südkorea durchs Land. «Wir kamen uns vor wie Popstars», erzählt Heidi Wachter.

Nach den Konzerten liessen die Zuhörer sie nur ungern weiterziehen. Alle wollten den Musikern aus der Schweiz die Hand schütteln und Erinnerungsfotos schiessen.

Mit dabei waren damals auch die Kinder Jacqueline, heute 30, und Manuel, 28. Die Wachters traten als Familienkapelle auf. «Jacqueline ist bis heute im selben Sog wie wir», sagt Ruedi Wachter. Sie liess sich wie ihre Eltern zur Akkordeonlehrerin ausbilden und tritt noch immer mit ihnen auf – allerdings als Pianistin. Daneben spielt sie in einer eigenen Akkordeonformation. Manuel musiziert zwar ebenfalls gerne, aber nicht mehr auf der Bühne. Er sei ein zurückhaltender Typ, komme eher nach Heidi, ist sich das Ehepaar Wachter einig.

Zu viel Aufmerksamkeit ist Heidi Wachter tatsächlich manchmal peinlich. Etwa, wenn jemand im Restaurant durch das halbe Lokal schreit, um Ruedi und ihr zu einem gelungenen Fernsehauftritt zu gratulieren. Ruedi hat damit weniger Mühe: «Man muss lernen, Komplimente anzunehmen», sagt er.

Das grösste Kompliment ihrer Karriere erhielt das Ehepaar mit dem Goldenen Violinschlüssel.

Zum ersten Mal wurde der bedeutende Preis an zwei Personen verliehen. Als Begründung für die Ausnahme schreibt der Vorstand des Goldenen Violinschlüssels: «Heidi und Ruedi Wachter sind nur im Doppelpack erhältlich.»

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