„Ich konnte keine Musik mehr machen“

ira_mayVon den Kritikern gelobt, von den Medien gefeiert – doch dann erkrankte Sängerin Ira May an einer Depression. Sie brauchte Zeit, um zu genesen. Nun kehrt sie zurück ins Rampenlicht.

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Was haben Sie heute vor?

Ich probe später noch mit meiner Band The Seasons. Dann ist mein Programm für heute durch.

Sie wirken müde. Hatten Sie bereits viele Termine?

Ich habe auf der Anfahrt im Auto geschlafen. In den letzten zwei Wochen war tatsächlich viel los.

Sie veröffentlichten Ihr zweites Album «Eye of the Beholder» und sagten, es fühle sich an, als wäre dies Ihr erstes. Inwiefern?

Das neue Album widerspiegelt mich besser. Ich wusste diesmal genau, was ich wollte, und liess neue Stilrichtungen einfliessen.

Die Songtexte sind oft melancholisch.

Ich verarbeitete in den Texten, was ich während der letzten zwei Jahre erlebte.

Psychische Probleme zwangen Sie nach Ihrer Tournee im Jahr 2014 zu einer längeren Pause. Was ist passiert?

Damals litt ich schon seit einigen Jahren unter Panikattacken, dachte aber, ich hätte sie im Griff. Das war leider nicht so. Sie wurden stärker, und ich fiel in eine Depression. Das Ganze spitzte sich zu, bis ich das Haus nicht mehr verlassen konnte.

Wie geht es Ihnen heute?

Viel besser. Die Pause tat mir gut. Aber ich muss noch immer aufpassen und kürzertreten, wenn ich an meine Grenzen stosse.

Was half Ihnen aus der schweren Zeit hinaus?

Ich entschied mich gegen Medikamente, machte aber verschiedene Therapien. Zudem meditierte ich und ging so oft wie möglich nach draussen an die frische Luft.

Haben Sie auch Musik gemacht?

Das konnte ich nicht. Mein Hirn verband die Musik mit Angst und Panikattacken. Sass ich ans Klavier, wurde mir schwindlig. Diesen Knoten in meinem Kopf musste ich erst wieder lösen.

Woher kam er?

Mit dem Erfolg verstärkten sich die Panikattacken. Gegen Ende hatte ich sogar auf der Bühne welche. Ich weiss noch genau, bei welchen Songs das passierte. Das bleibt im Hirn verankert. Daher musste ich mir immer wieder sagen, dass die Musik keine Schuld trägt an meinen Panikattacken.

Gelang Ihnen das?

Ja. Irgendwann meldete sich mein Bedürfnis, Musik zu machen, zurück. Als ich merkte, dass ich mich wieder ohne negative Gefühle ans Klavier setzen konnte, fiel mir ein riesiger Stein vom Herzen.

Wie entstehen Ihre Songs?

Meistens auf Reisen. Dort habe ich den Kopf frei und lasse mich von neuen Eindrücken inspirieren.

Welches sind Ihre liebsten Reiseziele?

Schottland und England mag ich besonders. Die Landschaft sowie die leicht melancholische Atmosphäre gefallen mir.

Und wohin gingen Sie, wenn Sie in der Zeit reisen könnten?

Ins alte Ägypten. Oder ins Mittelalter. Ich glaube, die Menschen hatten damals eine stärkere Verbindung zur Erde und nahmen die Natur anders wahr, als wir es heute tun.

Die Zukunft reizt Sie nicht?

Die kommt schnell genug. Mich schüchtern all die neuen Technologien eher ein. Schon heute gibt es zu viele Dinge, die wir nicht brauchen würden.

Zum Beispiel?

Bis ich 15 war, hatte ich kein Handy. Heute habe ich das Gefühl, ich würde ohne nicht überleben. Da muss ich mir selber sagen: Das ist verrückt.

Was täten Sie, wenn Ihnen eine Woche geschenkt würde?

Mich darauf besinnen, was mir im Leben wichtig ist – und das sind meine Familie und meine Freunde. Darum würde ich die Zeit mit ihnen verbringen. Man sagt nicht ohne Grund: Das Schönste, was man jemandem schenken kann, ist Zeit.
Iris Bösiger alias Ira May, 29, aus Sissach BL landete mit ihrem Debüt «The Spell» auf Platz 1 der Schweizer Charts. Ende September erschien ihr zweites Album «Eye of the Beholder».

 

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