Donnerwetter!

donnerwetterZiehen dieser Tage dunkle Wolken auf, denken die meisten: Nicht schon wieder! Anders die Gewitterjäger. Kaum kündigt sich am Himmel ein Lichterspektakel an, zücken sie ihre Kamera und brausen los – dem Blitz entgegen. Ich habe einen von ihnen begleitet.

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Der Himmel über Saignelégier verdunkelt sich. Es ist 13 Uhr, und über den Baumkronen und Hausdächern dräuen schwarze Wolken. Die Temperatur sinkt rapide. Die Windböen werden stärker. Erste Regentropfen fallen.

Während die Menschen in ihre Häuser flüchten, fährt Dominic Blaser auf die Wolken zu. Auf einem Feldweg hält er an und schaltet sein Radio auf Mittelwelle. Es rauscht, knistert – und knackt: «Das war ein Blitz», sagt der 44-jährige Freiburger. Sehen konnte er ihn nicht. Das Gewitter ist noch zu weit entfernt. Dominic Blaser stellt sein Stativ auf, montiert die Fotokamera und fokussiert auf die Wolken.

Dominik Blaser hofft, bereits den ersten Blitz mit der Kamera einzufangen. Bild: Fabienne Eichelberger

Dominik Blaser hofft, bereits den ersten Blitz mit der Kamera einzufangen.  Bild: fei

 

Er ist ein «Stormchaser», ein Sturmoder Gewitterjäger. Zieht ein Unwetter auf, lokalisiert er dieses mit Hilfe von Wetterprognosen und Wetterradars, sucht einen Aussichtspunkt in der Nähe und fotografiert das Naturspektakel. In den letzten Jahren hat er die Gewitter in der Schweiz umfassend dokumentiert. Unwetter wie in den vergangenen Wochen hat Dominic Blaser selten erlebt: «Die Niederschlagsmenge war aussergewöhnlich hoch.» Unter anderem, weil starke Winde gefehlt hätten. Deshalb wird die feuchte Luftmasse über Europa bloss hin und her geschoben, aber nie ganz erneuert. Dies ist auch für Gewitterjäger unerfreulich: Durch den starken Regen sind kaum Blitze sichtbar.

Doch das Lichtspektakel ist für Dominic Blaser bei der Jagd zentral. «Wenn möglich nehme ich das Gewitter in Empfang und fahre ihm nicht hinterher.» Er lässt sich von Gewitterzellen überrollen, überholt sie wieder und spürt neue Zellen auf. Als Gewitterzelle bezeichnet man eine Wolke, die warme Luft aufsaugt, in die Höhe wächst und sich elektrisch entlädt.

Dominic Blaser ist oft bis in die frühen Morgenstunden unterwegs. Zu Ende ist seine Jagd erst, wenn sich die Gewitterzellen auflösen. «Wie viele Kilometer ich in dieser Zeit zurücklege, ist für mich unwichtig», sagt er. Auf einer einzigen Jagd fuhr er schon vom Kanton Freiburg quer durch die Schweiz in den Schwarzwald, von dort wieder zurück bis an den Genfersee und dann ins Berner Oberland.

Was fasziniert den Sekundarlehrer aus Sugiez FR an diesem speziellen Hobby? «Gewitterjagen weckt in mir ein Gefühl der Freiheit», sagt Dominic Blaser. «Ich weiss nie genau, wo ich landen werde.» Zudem ist er jedes Mal aufs Neue beeindruckt vom kräftigen Krachen und von der Schönheit der Gewitter.

Die Zelle über Saignelégier im Jura bricht nach zehn Minuten zusammen. Einen Blitz kann Dominic Blaser mit seiner Kamera nicht einfangen. Wegen des starken Niederschlags ist keiner sichtbar.

Wie ein Luftballon

«Heute ist eine Top- oder Flop-Lage», sagt der Gewitterjäger. Es sei schwierig einzuschätzen, ob und wo sich Blitze entladen. «Die Labilität fehlt», erklärt Blaser. Damit bezeichnet man den Temperaturunterschied zwischen den einzelnen Luftschich-ten. Blaser vergleicht die Gewitterzellen mit einem Luftballon, der steigen möchte. Damit er in die Höhe fliegen kann, muss die Luft im Ballon wärmer sein als die um ihn herum. Genauso muss die Luft in der Gewitterwolke wärmer sein als die Umgebungsluft. Neben der Labilität sind die Feuchtigkeit und die Hebung elementar, damit ein Gewitter entstehen kann. Die Feuchtigkeit bezieht sich auf den Gehalt an Wasserdampf in der Luft. Kondensiert dieser, bilden sich Wolken. Die Hebung – etwa ein Gebirge oder eine Kaltfront – sorgt dafür, dass das feuchte Luftpaket steigt.

In der Wolke herrschen Temperaturunterschiede von bis zu 80 Grad Celsius. Es kommt zu starken Auf- und Abwinden, Wasser- und Eisteilchen reiben aneinander und laden sich elektrisch auf. Im oberen Teil der Wolke sammeln sich positiv geladene Eiskristalle, im unteren Teil negativ geladene Wassertropfen. Dadurch entsteht eine Spannung. Ist diese gross genug, kommt es zum Kurzschluss – zum Blitz.

Eine Gewitterwolke kann sich allerdings auch in Form von Hagel entladen. Dieser bildet sich durch Auf- und Abwinde. Die Eiskörnchen im oberen Teil der Wolke fallen in die untere Wolkenschicht. Dabei frieren Wassertropfen an ihnen fest. Durch den Aufwind werden die Körnchen wieder nach oben getragen. Auch dabei frieren Wassertropfen an, die Hagelkörner werden dicker. Durch das höhere Gewicht fallen sie nun schneller in den unteren Teil der Wolke. Ist dort der Aufwind nicht stark genug, prasseln sie zu Boden.

So wie jetzt in Saignelégier, wo Dominic Blaser Zeuge eines kleinen Hagelzugs wird. Nachdem sich die Gewitterzelle aufgelöst hat, fährt er weiter in Richtung Delsberg. Dort vermutet Blaser sogenannte Popcorn-Gewitter. Das heisst, es springen diverse Zellen nach oben. «Dabei ist es sehr schwierig abzuschätzen, welche Zelle sich weiterentwickelt und Blitze auslöst.»

Dominic Blaser entscheidet sich schliesslich für die Weiterfahrt ins Laufental. Immer wieder hält er neben der Strasse an und kontrolliert auf seinem Smartphone den Donnerradar und das Satellitenbild. So sieht er etwa, ob eine Gewitterzelle Niederschlag vor sich herschiebt. Tut sie dies nicht, begünstigt das die Entstehung eines Gewitters. Die Zelle kann die ganze warme Luft aufsaugen, erhält mehr Energie und steigt weiter in die Höhe. Wenn es regnet, kühlt sich auch die Luft ab, und die Zelle kann nicht lange weiterleben. Ausserdem verunmöglicht der Regen schöne Fotoaufnahmen – oder wie es Dominic Blaser ausdrückt: «Die Zelle ist dann nicht sehr fotogen.»

Jeder Gewitterjäger möchte möglichst viele Bilder von Blitzen aufnehmen. Dominic Blaser hat unzählige davon. Wie viele es sind, weiss er selber nicht. Aus den schönsten produziert er jeweils einen Jahreskalender, den er zum Unkostenpreis an Bekannte verkauft. Ansonsten verwendet er seine Bilder nicht kommerziell.

Eine fotogene Zelle alleine reicht jedoch nicht, damit gute Bilder entstehen. «Etwas vom Schwierigsten und Wichtigsten beim Gewitterjagen ist es, einen guten Spotterplatz zu finden», sagt Dominic Blaser. Damit meint er einen Aussichtspunkt, von dem aus Jäger die Blitze fotografieren. Idealerweise ist der Platz überdacht. Manchmal findet er solche Orte nur auf Privatgrundstücken. Das ist für ihn kein Hindernis. Er klingelt bei den Besitzern, erklärt ihnen sein Hobby und zeigt einige seiner Blitzbilder. «Meistens darf ich dann von ihrem Haus aus fotografieren.»

Zu Besuch bei Fremden

Auch in Rebévelier, im Berner Jura, fehlt ein geeigneter Spotterplatz. Es ist mittlerweile 19 Uhr, und Dominic Blaser parkiert sein Auto vor einem Häuschen mit gepflegtem Garten und weiter Aussicht. Er klingelt. Die Türe geht einen Spalt auf – zwei misstrauische Augenpaare lugen hervor. Blaser trägt sein Anliegen vor, zeigt die Bilder auf seinem Smartphone – und gewinnt rasch das Vertrauen der beiden Rentner. Während sich der Himmel verfinstert, baut Blaser auf dem Gartensitzplatz das Stativ auf und erklärt den Gastgebern geduldig, was sich gerade abspielt.

«Es könnte Hagel geben», warnt Blaser mit Blick auf die blühenden roten Tulpen. Kaum gesagt, gehts los. Zuerst stürzen viele Eiskügelchen vom Himmel, dann beruhigt sich die Lage. Die Gastgeberin ist erleichtert, dass ihre Tulpen dem Hagel trotzen konnten. «Das war noch lange nicht alles», flüstert der Gewitterjäger besorgt. Tatsächlich entlädt sich der Himmel nochmals. Nun haben die Hagelkörner einen Durchmesser von rund drei Zentimetern. Die Kugeln springen vom Boden auf wie Pingpongbälle und bedecken bald den ganzen Rasen. Die Tulpen knicken ein. Als Blaser die 43-Seelen-Gemeinde verlässt, sind die Strassen von Hagel gesäumt.

 

Dominic Blaser untersucht die Hagelkörner in Rébevelier. Bild: fei

Dominic Blaser untersucht die Hagelkörner in Rebévelier. Bild: fei

Angst vor den Gewittern hat Dominic Blaser nicht. «Die Wahrscheinlichkeit, vom Blitz getroffen zu werden, ist geringer, als im Lotto die Million zu gewinnen.» Ausserdem dient das Auto in brenzligen Situationen als Schutz. Es ist ein sogenann-ter faradayscher Käfig. Die Metallkarosserie des Autos schirmt elektromagnetische Felder ab. Die elektrische Energie verteilt sich auf der Oberfläche des Metallkäfigs, dringt aber nicht in diesen ein, sondern fliesst aussen in die Erde ab. «Das Gefährlichste am Gewitterjagen ist das Autofahren», sagt Dominic Blaser – «wegen des Aquaplanings.» Mittlerweile kennt er die gefährlichen Strecken, etwa die A 12 zwischen Vevey und Bern.

Gewitter faszinieren Blaser schon lange. Seit 2007 ist er aktiver Gewitterjäger. In den Sommermonaten geht er oft mehrmals pro Woche auf Jagd. Seine Leidenschaft entdeckte er durch seinen Beruf als Sekundarlehrer. «Bei den Achtklässlern steht jeweils das Thema Tornados auf dem Stundenplan», sagt der Freiburger. «Da wir immer von Tornados in Amerika sprachen, fragte ich mich, ob es in der Schweiz keine gebe.» Er begann zu recherchieren und stiess auf das Schweizer Sturmforum, wo ihm nicht nur seine Frage beantwortet wurde – in der Schweiz gibt es etwa einen Landtornado pro Jahr –, sondern wo er auch Gewitterjäger kennenlernte. In der Schweiz ist die Szene klein. Sie besteht aus etwa 20 aktiven Gewitterjägern – alles Männer. Über Internetforen und Chats sind sie miteinander vernetzt.

Vor sieben Jahren erfüllte sich Dominic Blaser einen Traum und reiste in die USA, genauer in die Tornado Alley im Mittleren Westen, zwischen dem Mississippi und den Rocky Mountains. Innert dreier Wochen erlebte er dort Tornados, Hagelzüge und Blitze. «Es war faszinierend. Die Gewitter sind viel mächtiger als bei uns.» Und einfacher vorherzusagen, da in den amerikanischen Gewitterregionen alles flach ist. «In der Schweiz hat es überall Hügel, welche die Winde plötzlich nach oben leiten», sagt der Gewitterjäger.

Viele seiner Entscheide basieren auf Erfahrung. So weiss er etwa, dass Gewitterzellen bei der aktuellen Wetterlage gern der französischen Grenze entlangziehen und bei Pruntrut JU vorbeikommen.

Doch jetzt, es ist 20 Uhr, hat sich das Gewitter bereits aufgelöst. Die Jagd scheint beendet. «Ich muss den Radar gar nicht mehr anschauen, die Wolken haben keine Power mehr», sagt Dominic Blaser. Er macht sich auf den Heimweg. Dass eine Wolke nicht mehr genug Kraft hat, um zur Gewitterwolke zu werden, sieht er daran, dass sie «zerflöckelt» ist. Quellwolken, aus denen Gewitter entstehen können, tragen den Übernamen «Blumenkohlwolken». «Wäre diese Wolke hier tatsächlich ein Blumenkohl, würde man sagen, er sieht alt aus. Ihm fehlt das Fleischige.» Ein weiteres Indiz dafür, dass das Gewitter vorbei ist: Die Wolke hat keine scharfen Kanten. Diese entstehen, wenn die für die Gewitterbildung nötigen Aufwinde vorhanden sind.

Jetzt aber hü!

Kurz vor Biel wandert Dominic Blasers Blick gegen Himmel. «Das glaube ich nicht – die quellt wieder», sagt er erstaunt. Nun kontrolliert er auf seinem Smartphone doch noch einmal seine Wetterkarten: «Tatsächlich, da braut sich etwas zusammen.» Jetzt gilt es, keine Zeit zu verlieren. «Es ist eine kurzlebige Zelle, ich muss sofort nach Lyss fahren.»

Während der "Gewitterjagd" kontaktiert Dominic Blaser diverse Wetterkarten.

Während der „Gewitterjagd“ kontaktiert Dominic Blaser diverse Wetterkarten.

Blaser kurvt durch Quartierstrassen, auf der Suche nach einem Platz zum Fotografieren. Die Zeit drängt. In der Ferne ist am Himmel kurz das Flackern von Blitzen zu sehen. Regen setzt ein. Der Gewitterjäger beisst sich auf die Lippen. «Ich brauche freie Sicht auf die Zelle.» Unmöglich in dieser Gegend. Dominic Blaser muss zurück auf die Hauptstrasse. Schliesslich findet er bei einer Tankstelle einen Unterstand. Zu spät. Das Gewitter hat sich bereits entladen. Es ist 22 Uhr. Der Gewitterjäger macht sich auf den Heimweg. Er ist enttäuscht. Als Flop würde er den Tag jedoch nicht bezeichnen: «Ich habe Hagel mit drei Zentimeter Durchmesser erwischt. Das ist selten.»

 

 

 

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