„Die Zeit ist ein komisches Konstrukt“

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Die Jahre im Jugendsender Joiz sind für Gülsha Adilji unvergesslich, als Kolumnistin packt sie nun Neues an. Am liebsten würde sie in der Zeit zurückreisen, um einen Krieg zu verhindern.

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Was haben Sie heute vor?

Ich arbeite in einem veganen Take-away.

Wechseln Sie von der Medienbranche in die Gastronomie?

Ich helfe nur aus. Der Laden gehört meiner Freundin Elif, die mich vor sechs Jahren beim Jugendsender Joiz einstellte.

Dieser musste kürzlich seinen Betrieb einstellen. Welche Gefühle löste die Nachricht bei Ihnen aus?

Im ersten Moment realisierte ich gar nicht, was das bedeutet. Erst als mir eine Freundin ein Video aus dem leeren Studio zeigte, kamen mir die Tränen. Ich erinnerte mich daran, wie viel ich in diesen Räumen erleben durfte – Partys, heimliches Rumgeknutsche und Lachanfälle.

Sorgen Sie sich um die 75 Joiz-Mitarbeiter, die ihren Job verloren haben?

Gar nicht. Manchmal tut es gut, wenn man aus der gewohnten Umgebung rausgerissen wird und sich neu orientieren muss.

Das taten Sie bereits vor dem Ende von Joiz. Unter anderem schreiben Sie Kolumnen – obwohl Sie selber keine mögen. Warum sollte man Ihre lesen?

Ich weiss es nicht. Ich kann mir auch nicht erklären, warum man mir diese Plattform gibt.

Jetzt kokettieren Sie.

Ich bin dankbar für all die Chancen, die mir geboten werden. Aber schon während meiner Zeit bei Joiz fragte ich mich, warum ich mehr Aufmerksamkeit bekomme als andere, die genau gleich viel leisten.

In den sozialen Medien geben Sie sich uneitel und zeigen sich mit Pickeln und Augenringen. Warum?

Weil es einfach ist, sexy und schön zu sein, aber langweilig. Viel spannender ist die Realität mit all ihren Facetten.

Fürchten Sie sich nicht vor negativen Reaktionen?

Ich gewöhnte mich daran. Schreibt jemand «Gülsha sieht auf diesem Foto dick und hässlich aus», finde ich: Stimmt, da sehe ich dick und hässlich aus. Who cares? Dafür kann ich mit der Zunge mein Kinn berühren.

Beeindruckend.

Eben. Aber im Ernst: Ich finde Kritik extrem wichtig. Äussert sie aber jemand, der mich überhaupt nicht kennt, lässt sie mich kalt.

Angenommen, Sie könnten in der Zeit reisen. Wohin gingen Sie?

Müsste ich als Gülsha reisen?

Wer möchten Sie sonst sein?

Ein arabisch sprechender Mann. Dann ginge ich in den Irak der Siebzigerjahre und würde dort alles regeln, sodass es nie zu einem Krieg kommen würde. Wobei – vielleicht schaue ich mir besser die Zukunft an.

Warum wäre das besser?

Möglicherweise zerstörte ich in der Vergangenheit alles, und die Welt würde heute wegen mir lichterloh brennen.

Was täten Sie, wenn Ihnen Zeit geschenkt würde?

Wie viel Zeit bekäme ich?

Wie viel brauchen Sie?

Kommt drauf an, wozu.

Ok., sagen wir eine Woche.

Die würde ich nutzen, um die Abgabetermine meiner Texte rauszuschieben.

Was täten Sie anstelle des Schreibens?

Serien schauen und Bier trinken.

Und wenn Sie ein Jahr geschenkt bekämen?

Dann bräuchte ich noch Geld. Zeit alleine nützt in unserer Gesellschaft nichts. Sowieso ist Zeit ein komisches Konstrukt.

Wie meinen Sie das?

Sie ist eine von Menschen konstruierte Einteilung, im Grunde aber inexistent.

Wenn man sie einteilen kann, muss die Zeit doch auch existieren.

Stimmt. Dann würde ich nun doch gerne in die Vergangenheit reisen und beim Erfinden der Zeit dazwischenfunken.
Gülsha Adilji, 30, war Moderatorin beim Jugendsender Joiz. Nun schreibt sie Kolumnen für die «Aargauer Zeitung» und die «Annabelle». Sie lebt in Zürich.

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