Am Anfang war der Apfel

gartengoldMenschen spenden ihre Apfelbäume, Behinderte ernten die Früchte, daraus wird Saft gepresst und verkauft: Das Sozialprojekt des Jungunternehmers Albert Gebhardt ist bestechend – und geht auf.

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Im Wohnzimmer der Studenten-WG von Albert Gebhardt und Leonard Wilhelmi lagen leere Glasflaschen, der Tisch verschwand unter einem Berg von Papieretiketten, und an der Wand hing die Landkarte der Stadt St. Gallen. Diverse Orte markierten die Männer mit Pins, wie es die Ermittler in Kriminalfilmen tun. Die Punkte standen jedoch für Tatorte der besonderen Art: für Apfelbäume, deren Besitzer die Früchte nicht ernten.

So sah es vor drei Jahren aus. Damals beschlossen Albert Gebhardt und Leonard Wilhelmi, ihre eigene Firma zu gründen. Beim Joggen durch das St. Galler Rotmonten-Quartier war ihnen aufgefallen, wie viele Apfelbäume am Wegrand stehen. Zur Erntezeit bedienten sie sich jeweils an den Bäumen. Im Winter jedoch staunten sie, wie viele Äpfel am Boden liegen geblieben und verfault waren. Die beiden Wirtschaftsstudenten erkannten eine ungenutzte Ressource. «Wir überlegten uns, wie man die Äpfel verwerten könnte», sagt Albert Gebhardt, 33. Die Grundidee lag nahe: Aus den Äpfeln sollte Saft werden. «Für uns war aber klar: Es muss ein besonderer Saft sein», sagt Albert Gebhardt. Inzwischen ist aus der Idee der beiden Studenten ein soziales Projekt entstanden: Bis zu 40 Menschen mit einer Behinderung ernten Äpfel, die niemand braucht und die deren Besitzer spenden. Daraus wird in regionalen Mostereien Saft gepresst – und schliesslich unter der Marke Gartengold vertrieben.

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Der Saft von Gartengold. Bild zvg

Auf diese Weise sind seit Beginn über 40 000 Liter Apfelsaft entstanden. Alleine in der letzten Saison produzierte Gartengold 15 000 Liter aus 19 Tonnen Äpfel. Leonard Wilhelmi ist mittlerweile nicht mehr aktiv bei Gartengold, da er zurück nach Deutschland gezogen ist. Doch Albert Gebhardt erwartet für dieses Erntejahr sogar 35 Tonnen Äpfel. Sie stammen von rund 400 gespendeten Bäumen.

«Gaga oder sinnvoll?»

Als sich die Idee, einen eigenen Apfelsaft herzustellen, festigte, hatten die Männer noch wenig Ahnung von Äpfeln. «Wir wussten, dass sie an den Bäumen hängen und man sie im Supermarkt kaufen kann – nicht viel mehr», sagt Albert Gebhardt. Und was sie damals auch nicht wussten: «Ist unsere Idee gaga, oder macht sie Sinn?» Dies sollten Fachleute beurteilen. 2013 reichten die beiden Studenten ihr Geschäftskonzept für die Verleihung eines Business Awards ein – und gewannen. Den Sieg bezeichnet Albert Gebhardt als Initialzündung für Gartengold. «Es gab kein Zurück mehr. Wir erhielten etwas Geld, und die Zeitungen berichteten über uns», sagt er. Allerdings bestand das Projekt zu diesem Zeitpunkt bloss auf Papier. «Einen eigenen Saft, geschweige denn einen Apfel, hatten wir noch nicht.»

Ehrenamtlicher Einsatz

Also gingen die Jungunternehmer von Tür zu Tür, klapperten sämtliche St. Galler Haushalte ab, auf deren Grundstück ein Apfelbaum stand – und das wochenlang. An den einen Tagen wurden sie zu Kaffee und Kuchen eingeladen, an den anderen von bellenden Hunden vom Grundstück gejagt. Wurde Gartengold ein Baum überlassen, markierten sie dessen Standort auf ihrer St. Galler Karte.

Auch die Suche nach Erntehelfern gestaltete sich schwieriger als erwartet. Die sozialen Einrichtungen waren skeptisch: «Zwei Wirtschaftsstudenten möchten etwas Soziales tun, mit behinderten Menschen Äpfel ernten – das klang komisch», sagt Gebhardt. Trotzdem kamen sie ins Geschäft. Bis zur ersten Ernte 2013 fanden sie genügend Mitarbeiter und Bäume.

Obwohl Gartengold stetig wuchs, arbeiten die Gründer ehrenamtlich. Das erwirtschaftete Geld investieren sie wieder in Gartengold. Zahlen möchte Albert Gebhardt aber nicht nennen. Seinen Lebensunterhalt verdient er mit weiteren Unternehmen, die er gegründet hat.

Albert Gebhardt bei der Apfelernte. Bild zvg

Albert Gebhardt bei der Apfelernte. Bild zvg

«Gartengold bleibt aber mein Lieblingsprojekt», sagt er. Noch immer kümmert sich Gebhardt täglich um den Betrieb, wobei mittlerweile ein Geschäftsführer eingestellt wurde. Die Arbeit mit den geistig und körperlich beeinträchtigten Menschen bereitet ihm Freude. «Sie blühen während der Ernte auf», sagt er. Zuweilen gehe es wild zu und her. Manch einer schüttle so euphorisch an den Bäumen, dass die Äpfel nur so durch die Luft flögen.

Den frischen Saft können die Kunden von Gartengold über deren Website bestellen. Zu den Abnehmern gehören neben Privathaushalten in der ganzen Schweiz auch Spitäler, Schulen, Gastrobetriebe und ausgewählte Detailhändler.

Zweites Büro in Zürich

Gartengold ist mittlerweile von der Studenten-WG in ein Büro in der Stadt St. Gallen gezogen. Anfang Jahr wurde ein zweites in Zürich eröffnet. Noch immer stehen Glasflaschen rum – aber ordentlich etikettiert und nach Jahrgang geordnet. Eine Landkarte an der Wand fehlt. Die Apfelbäume werden nicht mehr mit Pins markiert, sondern am Computer erfasst. Die St. Galler Karte würde auch nicht mehr ausreichen. Denn heute möchten Menschen aus der halben Schweiz ihre Apfelbäume spenden.

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